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Campaneo


                                                    Frank Schloffer

Ist das CAMPANEO des Spaniers, zu Deutsch der Glockenspielergang, also das seitliche Ausschwingen der Vordergliedmaßen im abgekürzten Trab wirklich als Mangel zu betrachten, wie es heute üblicher Weise getan wird?
Oder handelt es sich vielmehr um eine evolutionsgeschichtlich uralte, ausgesprochen nützliche Besonderheit dieser Rasse?



Nevado III (li) und Hacendoso IX (re), zwei der berühmtesten Stammväter der Spanischen Rasse, zeigen beide ausgeprägtes CAMPANEO. Sie tragen den Kandarenbrand, dessen Genetik heute vom spanischen Staat als nationales Kulturgut konserviert wird.

Können all die Generationen von Züchtern, die die PURA RAZA ESPANOLA "erfunden" und konsolidiert haben, wirklich so dumm gewesen sein, einen solchen angeblich schweren Bewegungsmangel einfach nicht erkannt zu haben? Sind wir "Modernen" der letzten zwanzig Jahre, die wir viel weniger mit Pferden im praktischen Alltag zu tun haben, sondern mit Autos und Komputern - sind wir wirklich die ersten seit Jahrtausenden der Spanierzucht, die diesen "Fehler" der Rasse erkennen und endlich ausmerzen?

Selbstverständlich ist jede Züchtergeneration aufgerufen, nach bestem Wissen die Rasse den jeweils neuen Bedürfnissen anzupassen und ihre Qualität zu steigern. Wir selbst züchten z.B. bei vollem Bewußtsein über die darin liegenden Gefahren in Richtung auf einen größeren Spanier, da die Menschen heute einfach größer sind. Man kann und hat auch schon dabei fatale Fehler gemacht!
Ebenso berechtigt ist natürlich der Wunsch, die Rasse den Erfordernissen des modernen Sportes anzupassen und ihre Gangeigenschaften dementsprechend zu verändern. Die unüberwindbare Schwierigkeit bei diesem Unterfangen besteht aber darin, daß das CAMPANEO nicht einfach eine kleine Bewegungsunebenheit ist, ein Ausrutscher der Genetik, den man mit Leichtigkeit beheben kann, indem man mit ihm einfach nicht weiterzüchtet. Vielmehr handelt es sich um eine eindeutig reinerbig vorhandene Eigenschaft, - also eben gerade die Norm dieser Rasse, - die zutiefts verwurzelt ist mit dem Gesamtbewegungsablauf, der kompletten Anatomie des Tieres. Das heißt leider nichts anderes, als daß man, will man tatsächlich diese eine auffällige Eigenschaft eliminieren, notgedrungen sämtliche typischen Points der Rasse verändern muß von der Kruppe bis zu den Ohren, ja sogar den Charakter.
Genau dies aber kann die Sache auf gar keinen Fall wert sein!

Wenn Sie Näheres zu diesem Thema erfahren möchten, lesen Sie bitte den folgenden Artikel, den ich 1999 in der Erstausgabe der Zeitschrift "LEVADE" veröffentlicht habe.



DAS CAMPANEO DES SPANISCHEN PFERDES

Unorthodoxe Gedanken zu einem zu wenig diskutierten Thema von
Walther Bruns


Die deutsche Pferdewelt spricht gemeinhin im Zusammenhang mit der spanischen Rasse vom "Bügeln" dieser Pferde. Der negative Unterton ist dabei nicht zu überhören, denn das "Bügeln" bezeichnet als klar definierter Fachausdruck einen erheblichen Gangfehler. Beim deutschen Pferd beschreibt dabei der Huf, wie der Begriff schon ahnen läßt, ähnlich einem Bügeleisen über der Wäsche, eine kreisende Bewegung mit horizontaler Sohle dicht über dem Boden, und zwar im letzten Moment vor dem Auffußen. Das gesamte Bein bleibt dabei weitgehend in sich gerade.
Dieses "Bügeln" kann in den Vorder- genauso wie in den Hintergliedmaßen auftreten - oder in allen Vieren zugleich. Der typische Gesamteindruck ist der einer schwimmend-unpräzisen und zugleich angespannten Bewegung. Ein Verletzungen hervorrufendes Streifen am jeweils gegenüberliegenden Bein ist dabei keine Seltenheit. Ein bestimmter Stellungsfehler als Ursache des "Bügelns ist nicht auszumachen. Vielmehr scheint ein tieferer Zusammenhang aus der Gesamtmechanik vorzuliegen, der wohl auch durch Training zum gewissen Grad beeinflußbar ist.
Das "Bügeln" ist eine unbeliebte Gangvariante bei allen Pferderassen, die eine schwebende, schwugbetonte Bewegungstypik aufweisen. Aus der Schnellkraft zum Teil extremer Rückentätigkeit entwickeln solche Pferde mit weitgehend in sich steif gehaltener Gliedmaße gewisse Schwebephasen. Eine relativ hohe Grundanspannung der gesamten Körpermuskulatur ist für diese Gangvariante unerlässlich.
Das spanische Pferd unterscheidet sich von diesen Rassen sehr grundsätzlich: Es ist wesentlich "lockerer", flexibler und entspannter in jeder Hinsicht. Es kennt mit Ausnahme einger bereits deutlich außerhalb des Rasseideals gelegener Individuen dieses oben beschriebene "Bügeln" überhaupt nicht.
Sein CAMPANEO,  das  abgewinkelte (!) Ausdrehen der Vordergliemaßen  (niemals hinten!), hat weder optisch noch genetisch  etwas gemein mit dem  "Bügeln". Während dieses geradezu wie ein Antäuschungsmanöver über den genauen Ort des Auffußens wirkt, beschreibt das Bein beim CAMPANEO im Verlauf des Vorschwingens einen Halbkreis um die gedachte gerade Bewegungsachse, wobei der Ort des Auffußens in der Logik dieser Kreisbewegung durchaus vorhersehbar ist. Der Aspekt des Unpräzisen, Schwimmenden  fällt völlig weg, wenn die Bewegung auch dem Auge des Kenners anderer Rassen ungewohnt erscheint.
Die heute gängige Schulmeinung über das CAMPANEO des Spaniers lautet, daß es früher, in den "guten alten Zeiten" (wann immer die gewesen sein mögen), kein CAMPANEO gegeben habe und dann erst in jüngerer Vergangenheit (deren Eingrenzung auch nicht näher bekannt gegeben wird) bei Senoritos und Feriareitern diese Gangvariante so übermäßig in Mode gekommen sei, daß die ganze Rasse davon "verseucht" worden sei. Diese "dekadenten" Leute hätten fern von jedem funktionalen Leistungsgedanken, nur wegen des optischen Show-Effektes, solche bedauernswerten "Mißgeburten" von Pferden gezüchtet.
Die wenigen ernstzunehmenden spanischen Hippologen (Tierärzte zumeist) sind heute alle deutlich von der zweifelsohne weit überlegenen deutschen Pferdewissenschaft geschult und verurteilen, indem sie "Bügeln" und CAMPANEO in einen Topf werfen, beides zusammen in Bausch und Bogen. Die Welt der Züchter und Reiter orentiert sich an diesen Vorbildern und erst recht natürlich die Körkommissionen der militärischen Stutbuchführung "Cria Caballar", bei denen intellektuelles Hinterfragen sicher noch nie an erster Stelle gestanden hat. Alle sind sich jedenfalls einig: Das Campaneo der spanischen Rasse gehört bis in seine genetischen Wurzeln ausgemerzt!

Ich wage dagegen zu behaupten, daß es sich hierbei um eines der vielen in Pferdekreisen kursierenden Ammenmärchen handelt, die unvergoren auf Tunierplätzen, Stutenschauen und in Stallgassen nachgeplappert werden, weil eine sorgfältige Aufarbeitung des Themas nicht vorliegt oder noch nicht bekannt ist.
Wie komme ich zu einer solch konträren Sicht dieser ob des allgemeinen Konsenses derzeit gar nicht mehr diskutierten Frage?
Zum Einen durch langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Pferden, die starkes CAMPANEO aufwiesen, aber diejenigen Probleme, die damit in Verbindung gebracht werden, ganz klar nicht kannten. Das Zweite ist die Beobachtung, daß eigentlich jedes(!) spanische Pferd zumindest einen Ansatz zu diesem "Defekt" zeigt, da er sich genetisch  als eindeutig dominant behauptet.
Und schließlich zeigen uns die ältesten Gemälde wie auch Fotografien, die wir aus den "guten alten Zeiten", als die Welt des Spaniers angeblich noch in Ordnung war, besitzen, so gut wie ausschließlich starkes CAMPANEO. Wann also soll das gewesen sein, als die Pferde noch "korrekt" waren?
Im Folgenden möchte ich zeigen, daß es sich beim CAMPANEO um eine uralte, von der Natur selbst "erfundene", positive Bewegungseigenart handelt, die der Spanier als fast einzige Rasse der Welt besitzt und die in unlösbarem Zusammenhang mit seiner ELEVACION zu sehen ist, seiner im Deutschen etwas hilflos als "Knieaktion" bezeichneten Gangbesonderheit.
Es existiert eine sorgfältige Studie über das CAMPANEO aus der Feder des Veterinärs Juan del Castillo Gigante, die ich öfter zitieren werde, da sie als ernstzunehmendes Beispiel der fehlerhaften Beurteilung des Phänomens gelten kann.
Bereits eine konkrete Beschreibung des Bewegungsablaufes ist außerordentlich schwierig, da es sich um eine Ausführungsvariante innerhalb der normalen Grundgangarten handelt, die je nach Art der Vorwärtsbewegungbei ein und dem selben Pferd ganz unterschiedlich ausfällt oder sogar ganz verschwindet. Jedoch hat jedes Pferd einen bestimmten Grundstil, der offensichtlich anatomisch festgelegt ist. Bei oberflächlichem Hinsehen scheint es dabei eine Vielzahl von Varianten zu geben, die sich jedoch schnell als lediglich graduelle Abstufungen der selben Sache entpuppen.
Die zentrale Gemeinsamkeit besteht darin, daß über den gesamten Verlauf der Vorschwingphase des Vorderbeines der Huf eine halbelyptische Linie nach außen beschreibt. Dieser Bogen kann sehr klein sein, wenn der Huf allein ausschwingt, oder er kann in seinem Radius immer größer werden, je nach dem, ob die Fessel, das Röhrbein oder sogar noch der Unterarm mitschwingen.
Diese Teile des Beines werden dabei im Moment des vertikalen Anwinkelns im Karpalgelenk (Elevacion) leicht horizontal abgewinkelt. Hierzu ist eine seitliche Abbiegemöglichkeit in den beteiligten Gelenken vonnöten, die eine anatomische Besonderheit darstellt, welche "korrekt" gerade gehenden Pferden grundsätzlich abgeht.
Die geringe oder starke  Ausprägung der beschriebenen Halbelypse hängt eindeutig mit der jeweiligen Höhe der "Elevacion" zusammen. Starkes CAMPANEO braucht immer hohe "Elevacion", während aktionslos gehende Spanier normalerweise nur mit dem Huf ein wenig nach außen schlenkern - beim Übergang zum rasseuntypischen flachen Gang oft auch nur noch mit einem Huf. Die vertikale und horizontale Winkelungsfähigkeit der Gelenkestehen also in einem klaren Zusammenhang. Was bedeutet, daß es kein CAMPANEO ohne "Elevacion" gibt, sehr wohl jedoch "Elevacion" ohne oder mit geringem CAMPANEO, worauf wir noch zu sprechen kommen werden, da es sich um einen heute sehr angestrebten Zustand handelt.

Da nach offizieller Definition (Rassestandard) das rassetypische (= gute) Spanische Pferd zumindest eine mittelhohe "Elevacion" zeigt, bezeichne ich das damit verbundene CAMPANEO (falls vorhanden), das zumindest aus dem Carpalgelenk herausschwingt, als ein "komplettes CAMPANEO". Alle geringeren Formen, also all jene kleinen, meist unregelmäßigen Schlenker der Hufe und Fesseln von Pferden mit unterdurchschnittlicher "Elevacion", dürften als rudimentäre Mischform bezeichnet werden, die die später zu beschreibende Funktionalität teilweise oder ganz eingebüßt haben und deswegen vielleicht sogar hochgradig an dem schlechten Ruf des CAMPANEOS schuld sind. Ihre Variabilität ist groß und uneinheitlich und lohnt, da es sich tatsächlich um Fehlentwicklungen handelt, nicht der näheren Bestrachtung.

Dagenen läßt sich das von mir so genannte "komplette CAMPANEO" noch einmal in zwei Unterarten aufteilen:
Die bei weitem häufigere und einfachere Art zeigen Pferde, die ausgesprochen athletisch gebaut sind, nah am Boden, mit breiter Brust und stämmigen, in der Fesselung und auch den übrigen Gelenken eher etwas starreren, steileren Winkelungen. Sie stehen in den Vorderhufen grundsätzlich zeheneng, so daß der Huf, nachdem er seinen Bogen beschrieben hat, von außen kommend ohne Veränderung der Richtung leicht nach innen weisend landet. Dieser Bewegungstypus wirkt immer kraftvoll, stabil, mit einer kleinen Tendenz zum Starren, eher Unelastischen. Das Interieur solcher Pferde reicht vom nervenstarken Draufgänger bis zu leichtem Phlegma. Es handelt sich um Gebrauchspferde im besten Sinne des Wortes, die bis hin zu Levaden und Kapriolen von überzeugender Einsatzbereitschaft und Widerstandsfähigkeit sind, während sie bei der feinen gymnastizierenden Dressurarbeit eher an ihre Grenzen stossen.
Genau dafür aber eignet sich besonders die seltenere zweite Art des CAMPANEOS. Diese ist Juan del Castillo Gigante völlig entgangen. Er hat zwar richtig beobachtet, daß CAMPANEO ausschließlich bei breitbrüstigen Pferden vorkommt, täuscht sich aber in der Annahme, daß diese wiederum immer zeheneng stünden. Tatsächlich sind zwar die allermeisten zehenweit gestellten Pferde schmalbrüstig und weisen somit kein CAMPANEO auf, doch gibt es einen kleinen Anteil, der in sich so typisch und einheitlich ist, daß man ihn nicht als Ausnahme abtun kann. Es handelt sich um ausgesprochen breitbrüstige Pferde mit proportional langen, aber sehr kräftigen Beinen, kurzem Rücken und hohem Halsaufsatz auf extrem langer, schräger Schulter. Aus diesem Schulterblatt heraus wirkt die ganze Vordergliemaße wie leicht nach außen gedreht. Die Schultergelenke weisen bereits breit auseinander, die Ellenbogen sind extrem frei, die Karpalgelenke deuten etwas nach außen, und die großen, regelmäßig gebauten Hufe stehen deutlich zehenweit.
Das bedeutet, daß das Bein zwar insgesamt eine Außenstellung zeigt, aber gleichzeitig von oben bis unten eine völlig in sich ungebrochene Achse aufweist, die der Extremität säulenhafte Stabilität gewährleistet. Solche Pferde besitzenstark gewinkelte Gelenke und sehr elastische Fesseln. Sie zeigen extreme ELEVACION und schwingen dabei im CAMPANEO sogar mit dem Unterarm leicht seitlich aus. Der Bogen, den der Huf dabei beschreibt, führt diesen außen dicht am Ellenbogen vorbei und verfließt dann in einen leichten S-Schwung, der in einer außerordentlich weichen, tatzenartigen Bewegung das Auffußen in Außenstellung vorbereitet. Der Gesamteindruck ist der von ungewöhnlicher Flexibilität und Beweglichkeit.
Entsprechend kennzeichnet den Charakter dieser Pferde die Kombination von enormem Temperament mit äußerster Nachgiebigkeit. Auffällt, daß gerade dieser Typus sich seine Hufeisen oder unbeschlagenen Tragränder so gut wie garnicht abläuft- eine Tatsache, auf die wir noch genauer eingehen müssen. Ich bezeichne diese Variante als das GROSSE CAMPANEO.



Unser Photo zeigt die beiden beschriebenen CAMPANEO-Typen in idealer Weise nebeneinander an zwei der berühmtesten Stammväter unserer Rasse: Nevado III und Hacendoso IX, beide vom Kandarenbrand ("Bocado", heute in staatlicher Hand).
Nevado III, rechts im Gespann (links im Bild), gehört dem etwas kurzlinigeren Typus mit leicht zehenenger Vorderhufstellung an. Er bewegt sich in schöner, expressiver Haltung, aber etwas heftig und nicht ganz im Gleichgewicht, was an der leichten Überzäumung und dem Ausfallen über die äußere Schulter erkennbar ist, besonders aber an dem deutlichen nach hinten - oben Herausschwingen des Hinterfußes.
Links im Gespann (rechts im Bild) repräsentiert Hacendoso IX das GROSSE CAMPANEO, den elastischeren, sehr deutlich zehenweit gestellten Typus. Bei ihm ist bestens zu erkennen, wie aus mächtiger Schulter sogar der muskulöse Oberarm mit dem Ellenbogen locker nach außen schwingt (bei Nevado III bleibt dieser Bereich wesentlich gebundener am Rumpf) und das restliche Bein mit extremer ELEVACION den typischen S-Schlenker vollführt. Dieses Pferd steht korrekt losgelassen und vollkommen gerade im Zug mit dem Profil leicht vor der Senkrechten. Bis hinein in des gelöste Ohrenspiel unterscheidet sich dieser Hengst von seinem Nachbarn, der auch hier die weitaus größere innere Anspannung verrät.




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